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Eine kreative Blüte
Ein Bericht von Tasnim El-Naggar
Es ist 13.30h. Langsam fährt unser Wagen durchs Dorf, an kleinen Fachwerkhäusern vorbei, an Kühen, an Tante-Emma-Lädchen, an Bäumen, Natur. Eine weite Strecke hat er hinter sich, als er schließlich den letzten Berg erreicht und auf den Parkplatz fährt. Angekommen! Wir strecken unsere Glieder, nehmen das Gepäck, steigen die Treppe hinauf Richtung Haus, das wir kurz darauf betreten. Eine wohlige, angenehme Stille umgibt uns, als wir die letzten Stufen zu unserem Zimmer nehmen und dort das Gepäck deponieren. Ob es auch eine kreative Stille sein würde, würde sich in den nächsten Stunden und Tagen zeigen. Leise flüsternd betreten wir einen großen Raum. Freundliche Gesichter blicken uns entgegen – Frauen, die der Freitagspredigt lauschen. Gern machen sie uns Platz. Später, nach dem Gebet, tauschen wir uns bei Tee und Kuchen aus. Man kann nicht anders als sich wohlzufühlen, als einzutauchen in diese herzliche Atmosphäre, die uns auch die nächsten Tage begleiten würde.
Um 19 Uhr schließlich sitzen wir da. Die Leinwand ist aufgebaut, der Beamer funktioniert, die DVD wartet im Laufwerk. Wir warten auch. Wer würde noch kommen?
Wir beginnen darüber zu reden, was beim Schreiben eines Romans zu beachten sei. Dicke Wälzer, die eine Einführung ins Schreiben von Prosa liefern, liegen vor mir. Ich staune. Dass dieses Wissen so komplex ist, war mir bis dato unbekannt. Ich dachte immer, mich küsst die Muse, ich schreibe los, und fertig ist der Roman. So einfach scheint dies nicht zu sein, wie ich an diesem Wochenende erfahre.
Während dieses ersten Gesprächs in der Abenddämmerung lugt plötzlich das Gesicht einer Schwester herein. Lächelnd und wissbegierig gesellt sie sich zu uns. Sie hat ihre drei kleinen Kinder bei ihrem Mann zu Hause gelassen und sich auf den Weg gemacht, um ihrem Hobby, dem Schreiben, neuen Auftrieb zu verleihen. Und dann – steht da plötzlich einer, ganz unerwartet erscheint er aus dem Nichts. Er ist ein junger, ruhiger Mann, der sich seinen langen Weg aus Hannover gebahnt hat und schließlich hier angekommen ist. Er wird sich als bereicherndes und ebenfalls wissbegieriges Nesthäkchen der Runde entpuppen.
Die DVD im Laufwerk beendet ihr Warten, sie beginnt zu rotieren. „Ich habe keine Angst“ lautet der Titel des Films, den wir uns nun gemeinsam zu Gemüte führen. Konzentriert verfolgen wir die Handlung, achten auf jedes Detail, jedes Wort, jedes Bild, entdecken die Tiefe, die in diesem Film steckt und ihn zu einem guten Film macht. Er ist eine Verbildlichung dessen, was einen Roman eigentlich ausmacht, da er – das ist selten im Filmgeschäft – wie ein Roman verfilmt wurde. Mittendrin platzt unser letzter Teilnehmer mit Kind und Kegel herein. Leise setzt er sich, schlägt sein Notizbuch auf und taucht wie wir in diesen Film hinein. Der Abend wird Nacht, der Film endet; wir werden ihn auf Grund seiner Intensität sicher so schnell nicht wieder vergessen. Nach Diskussion und Abendessen, Kennenlernen und Austausch verabschieden wir uns Richtung Bett.
Der nächste Tag beginnt mit einem erfrischenden Morgengebet und einem leckeren Frühstück. Dann ziehen wir uns ins Büro
zurück, um zu arbeiten und zu lernen. Wir lernen von unserer Workshop-Leiterin Iman, wie ein Roman strukturiert sein sollte, was bei der Abfolge der Handlungen zu beachten ist, wie man Ideen entwickeln und entfalten kann, wie man ein Konzept erstellt und welche Fallen auf jeden Fall vermieden werden sollten. Wir lernen, wie man die Hauptperson konzipiert und sie für den Leser verständlich festhält. Dann sind wir an der Reihe. Wir bekommen die Aufgabe uns eine Hauptperson zu kreieren und ihr eine möglichst lückenlose Persönlichkeit zu geben und diese schließlich zu beschreiben. Da ist der harte, scheinbar herzlose Soldat von Ibrahim, den der Ich-Erzähler beobachtend begleitet. Da ist die zarte, zerbrechliche, einsame junge Frau von Shakiba, die sich viel zu viele Gedanken macht. Da ist der junge Schüler von Nadir, der gern Fußball spielt und seine Geschwister ärgert. Und da ist meine Figur - der junge muslimische, tollpatschige Lehrer, der viel zu spät zur Schule eilt. Wir stellen unsere Personen vor, überprüfen Lücken, stellen Fragen, suchen Antworten, ergänzen Ideen. Am Ende hat jeder von uns eine Vorstellung davon, wer seine und die Figur der anderen ist. Wir können sie uns greifbar, fassbar vorstellen. Und wir gehen hinaus...in die Sonne!
Wir setzen uns zu den muslimischen Anwohnern, die sich heute zusammengefunden haben. Wir unterhalten uns auf Bierbänken, fangen das friedliche Leben in diesem Dorf ein, genießen die Sonne, die Natur. Später fahren wir mit der Aufgabe, die Atmosphäre schriftlich festzuhalten, in den Wald. Die Sonnenstrahlen werden durch die Blätterpracht der Bäume gebrochen, dringen in Licht-Schatten-Spielen bis auf den laubbedeckten Boden. Es knackt und knistert. Es riecht ein bisschen modrig, ein bisschen frisch. Nadirs Kinder laufen den Berg hinunter und rufen lachend nach Mama. Ich sitze auf dem Boden, meinen Notizblock in den Händen haltend, lasse alles geschehen, genieße den Lärm der Kinder in der Stille des Waldes. Wie könnte man es besser beschreiben?
Ein Spaziergang, ein Eis, ein Einkauf, eine Fahrt später sind wir zurück. Der nächste, letzte Tag kann kommen. Und er kommt, voller Kreativität, voller Ideen, voller Eifer und Motivation. Der letzte Tag ist dafür da, unsere Geschichten zu entwerfen. Shakiba läuft im Kreis umher, während sie gemeinsam mit uns denkt. Erst zögerlich, dann in voller Fahrt nimmt ihre Figur – die schüchterne, zurückgezogene Frau – Gestalt an und fügt sich schließlich in eine Geschichte ein. Ibrahim stützt seinen Kopf in die Hände, während sein Soldat bereits voll in Aktion ist. Nadir hat an seinem Jungen noch ein wenig zu knabbern, doch auch er webt ihn in eine anschauliche Geschichte ein. Er beginnt zu erzählen, wie der Junge heimlich nachts unter der Bettdecke liest, unbemerkt von seinen Eltern, jedoch nicht von seinen Geschwistern. Auch mein junger Lehrer verbirgt etwas, ebenso wie der Junge – und wie wir gelernt haben, macht das jede Geschichte erst spannend.
So dürft ihr, liebe Leser, nach diesem lehrreichen und inspirierenden Autorenworkshop nun gespannt darauf sein, was aus unseren Figuren wird. Vielleicht werdet ihr sie eines Tages durch unsere Romane spazieren sehen...ihr werdet sehen!
Die nächsten gemeinsamen Veranstaltungen vom Narrabila Verlag & vom Haus des Islam werden inscha Allah demnächst bekannt gegeben.


