Ich weigere mich

Nein-WĂŒrfel
Stopschild

Ein  Zwischenruf  von  Mohammed  Belal  el-Mogaddedi

Ich weigere mich

Kaum ein Tag vergeht, an dem Muslime nicht aufgefordert werden sich von X, Y oder Z zu distanzieren. Mal sind es die so genannten „Salafisten“, von denen Muslime Abstand nehmen sollen. Ein anderes Mal sind es irgendwelche obskure kriminelle Vereinigungen, getreu nach dem Motto, wo Islam draufsteht, muss Islam ja auch drin sein. Aktuell wird von einigen namhaften Kirchenvertretern und Politikern mit einem gewissen Hang zur Selbstgerechtigkeit die ISIS durch das muslimische Dorf getrieben.

Ich verweigere mich aber diesen von mir als Muslim erwarteten Distanzierungsbefehl zu befolgen, weil mir niemand etwas vorzuschreiben hat, denn ich entscheide mich aus freien StĂŒcken und in Verantwortung vor meinem Schöpfer fĂŒr oder gegen eine Sache, meinen Mund aufzumachen.

Ich weigere mich, in den AnhĂ€ngern und UnterstĂŒtzern der ISIS religiöse BrĂŒder im Geiste sehen zu mĂŒssen, und die damit verbundene negativen Markierung meiner religiösen Orientierung zu akzeptieren, nur weil diese Kriminellen zufĂ€lligerweise auch Muslime sind. Ich weigere mich von etwas zu distanzieren, zu dem ich keine wie auch immer geartete NĂ€he verspĂŒre, geschweige denn habe.

Ich weigere mich, diese Leute als „Dschihadisten“ zu bezeichnen.Ich weigere mich diesen höchst missverstandenen und in der arabischen Sprache gĂ€nzlich unĂŒblichen Begriff ĂŒberhaupt auf sie anzuwenden, weil sie von nichts weiter entfernt sind als die BemĂŒhung um die positive Charakterentwiclung des Menschen, den Dschihad, ein Streben, dass ich jeden Tag freiwillig und demĂŒtig praktiziere und fĂŒr das ich mich nicht schĂ€men muss, egal wie sehr dieser Begriff in der Öffentlichkeit seitens interessierter Kreise umgedeutet und diskreditiert wird. Ich weigere mich, diese Leute als Islamisten zu bezeichnen, weil sie von nichts weiter entfernt sind als dem Islam, und egal wie oft sie mit diesem Begriff in den Medien beschrieben werden.

Ich weigere mich, das von ihnen kontrollierte Territorium mit einem den islamischen Geboten im Einklang stehendes „Kalifat“ anzusehen, egal wie oft sie selbst und andere es als solches bezeichnen.

Ich weigere mich, dieses Gebilde als „Gottesstaat“ zu bezeichnen, weil es in meiner Religion nie ein Konzept eines Gottesstaat gegeben hat noch geben wird, egal wie oft dieser Denkweise im Zusammenhang mit meiner Religion Vorschub geleistet wird, um eine bereits verĂ€ngstigte Allgemeinheit weiter in geistiger Verwirrung ĂŒber Muslime und Islam zu halten. Ich weigere mich, diese Leute als Fundamentalisten zu bezeichnen, weil sie von nichts weiter entfernt sind als den Fundamenten meiner Religion, egal wie oft sich so manch ein medienversessener Kulturmuslim oder manch eine medienversessene Kulturmuslima daran versuchen, die Fundamente meiner Religion zu problematisieren und zu pathologisieren, nur um sich damit bei dem so genannten politischen Mainstream brav und leider auch sehr erfolgreich anzubiedern.

Ich weigere mich, muslimische DummschwĂ€tzer, die soviel mit Islam zu tun haben wie Gustav mit Gasthof, als authentische, seriöse Vertreter meiner Religion wahrnehmen zu mĂŒssen, egal wie stark sie von den Medien und der Politik hofiert werden.

Ich weigere mich die Deutungshoheit ĂŒber Islam, Dschihad oder Scharia muslimischen und nicht- muslimischen DummschwĂ€tzern zu ĂŒberlassen, denn ich weiß besser als sie, welch ausgezeichneter Inhalt und Botschaft diesen Begriffen inne wohnt.

Ich weigere mich, bestimmte Menschen als „Salafisten“ zu bezeichnen, weil sie von nichts weiter entfernt sind als den Altvorderen, den Ahl-ul-Salaf, egal wie oft sich bestimmte Personen mit diesem Begriff zu schmĂŒcken versuchen und andere sich mittels der Nutzung dieser Begrifflichkeit in der Öffentlichkeit befleißigen, bereits die FrĂŒhzeit meiner Religion in Verruf zu bringen.

Ich weigere mich, den blasierten Politikern und selbst ernannten Experten in den Medien zuzustimmen, die aus den Begriffen Islam, Salafiten, Dschihad, Scharia negativ besetzte Kampfbegriffe machen, um sich in der Öffentlichkeit auf Kosten meiner Religion zu profilieren.

Ich weigere mich, zu dieser oder irgendeiner anderen kriminellen Bande, die die Gebote meiner Religion mit FĂŒĂŸen treten, beschĂ€mt erklĂ€ren zu mĂŒssen, denn jede Religion Ă€chtet kriminelles Handeln.

Ich weigere mich, Auseinandersetzungen, Konflikte, Kriege und soziale Probleme zu muslimisieren oder zu islamisieren, nur weil Muslime daran beteiligt sind. Ich weigere mich, einen Muslim als extrem, konservativ, reaktionÀr, orthodox, radikal brandmarken zu lassen, nur weil er als BarttrÀger einer prophetischen Tradition Folge leisten will.

Ich weigere mich, eine Muslima als extrem, orthodox, radikal, rĂŒckwĂ€rtsgewandt, unterdrĂŒckt und als unaufgeklĂ€rt zu bezeichnen, nur weil sie sich an ein Bekleidungsgebot hĂ€lt.

Ich weigere mich, Menschen aufgrund ihrer religiösen Ausrichtung zu kriminalisieren, zu diffamieren, zu liberalisieren und zu de-liberalisieren, zu modernisieren und zu de-modernisieren, oder zu heroisieren und zu dÀmonisieren.

Ich weigere mich, mich von vollkommen gesetzestreuen Muslimen in diesem Land zu distanzieren, nur weil sie sich anders kleiden, verhalten und denken als ich, denn es kann nur zwei Kategorien von Menschen in diesem Land geben kann, nĂ€mlich diejenigen, die gesetzestreu sind, und diejenigen, die gegen geltendes Recht verstoßen.

Ich weigere mich, dieses blöde Spiel vom „Guten Muslim - Böser Muslim“ in irgendeiner Weise mitzumachen, denn ich will mich nicht dem (Un-)Geist der Zeit unterwerfen, auch weil die Bereitschaft zu einem wahrhaftigen Austausch mit meiner Religion höchst selten gegeben ist.

Ich weigere mich, aufgrund meiner religiösen Praxis als diskussionsunfĂ€hig verunglimpft zu werden, nur weil potentielle Partner fĂŒr einen Gedankenaustausch glauben, die Weisheit fĂŒr sich gepachtet zu haben, und sie ihre schier unglaubliche Ignoranz auch noch mit Arroganz paaren.

Ich weigere mich zu akzeptieren, dass unter dem Deckmantel der so genannten Islamkritik gegen meine Religion und Geschwister im Glauben unwidersprochen gehetzt und Hass gepredigt werden darf, nur weil einige Stimmungsmacher in ihrem geradezu atemberaubenden GrĂ¶ĂŸenwahn glauben, dass sie den Islam mittels ihrer vermeintlichen AufgeklĂ€rtheit lĂ€ngst ĂŒberholt haben.

Ich weigere mich, aufgrund meines Muslim-Seins als inkompatibel mit der Moderne und dem technologischen Fortschritt angesehen zu werden, denn ich weiß um die grandiose Vergangenheit und das große Potential der Muslime, das mich guter Dinge in die Zukunft gehen lĂ€sst.

Ich weigere mich, mit allem was sich in meinem gesellschaftlichen Umfeld entwickelt, per se einverstanden sein zu mĂŒssen, nur weil dies von mir so erwartet wird, denn nicht alles ist gut was um mich herum in der Gesellschaft geschieht.

Ich weigere mich, das zu tun, wovon ich nicht ĂŒberzeugt bin. Ich weigere mich einem Diktat zu unterwerfen und gegen meine Überzeugung zu handeln.

Ich weigere mich, mich qua Religionszugehörigkeit schuldig zu fĂŒhlen, denn ich habe keine Schuld auf mich geladen. Ich weigere mich, Tag ein und Tag aus fĂŒr irgendeinem Bullshit in Verantwortung genommen zu werden und mich von diesem zu distanzieren, nur um meine VertrauenswĂŒrdigkeit, meine VerlĂ€sslichkeit und Aufrichtigkeit als rechtstreuer BĂŒrger dieses Landes, der zufĂ€lligerweise Muslim ist, unter Beweis zu stellen.

Ich weigere mich, mich in eine Distanzierungsorgie zu ergehen, nur weil ich Muslim bin, denn ich verurteile SchĂ€ndliches immer als Mensch, der ich bin, und als Mensch folge ich meinem inneren Maßstab, der in meinem Fall durch meine Überzeugung, meine Religion geprĂ€gt ist.

Als ein Muslim in Europa, stelle ich fĂŒr mich folgendes fest: „Ich bin Muslim, und das ist gut so!“

Dies ist mein Lebensmotto bis heute gewesen, auch wenn ich es nie so schön hĂ€tte formulieren können wie es Berlins noch Regierender BĂŒrgermeister einst getan hat.

Nach diesem Motto werde ich auch in Zukunft weiterhin mein Leben gestalten, ganz unabhĂ€ngig von den Wahrnehmungen, die andere vom Muslim-Sein und dem Islam in Deutschland haben. Dies ist nicht Ausdruck von Arroganz oder SelbstĂŒberschĂ€tzung, diese Haltung ist Ausdruck eines selbstverstĂ€ndlichen Selbstbewusstseins, das ich mit Millionen von Muslimen, hier in Deutschland und europaweit teile.

„Ich bin Muslim und das ist gut so“ ist nicht nur de facto und de jure richtig, dieser Gedanke ist gleichzeitig Ausdruck einer SelbstverstĂ€ndlichkeit, die Religion nicht geografisch regionalisiert oder verortet. Muslime leben in Deutschland. Ich lebe in Deutschland. Eine Bringschuld meinerseits dies zu erklĂ€ren oder gar zu rechtfertigen gibt es nicht. Ich muss aufgrund meines Muslim-Seins keine Asche auf mein Haupt streuen. Punkt.

Als Muslim bin ich ein freier und frei denkender BĂŒrger dieses Landes, der sich seinen Pflichten und seiner Rechte bewusst ist, Pflichten denen dieser BĂŒrger nachkommt, und Rechten, die dieser BĂŒrger selbstverstĂ€ndlich in Anspruch nimmt, unteilbare Rechte die jeder und damit auch dieser BĂŒrger verfassungsgemĂ€ĂŸ besitzt.

Als Muslim fordere ich die Gesellschaft gelegentlich heraus, warum eigentlich nicht? Und in der Tat werde ich die Gegenwart konstruktiv und positiv herausfordern, denn nur so kann ich als Muslimischer BĂŒrger die Zukunft mit aufbauen und mit gestalten, weil es in einer freien Gesellschaft immer um den Wettbewerb der Ideen geht. Diesem Wettstreit verweigere ich mich nĂ€mlich nicht, und exakt das ist auch gut so.

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Dieser Artikel wurde vorab in der Islamischen Zeitung veröffentlicht